
Vor rund 800 Jahren starb Raschid ad-Din Sinan in seiner Bergfestung Masyaf. Raschid, ehrfürchtig «El Djebel» (Der Alte vom Berg) genannt, war der bedeutendste Anführer des syrischen Zweiges der legendären «Assassinen». Der mysteriösen Geschichte der Assassinen begegnet man immer wieder. Man findet sie in der regulären Literatur, in renommierten TV-Reportagen, Videospielen und einschlägigen Internetseiten. Was ist dran an der Legende dieser angeblich mit Haschisch berauschten Meuchelmörder? Vielleicht mehr, als es manchen Menschen lieb ist, vielleicht auch weniger, als es einige Phantasten gerne haben möchten. Fakt ist, dass im persisch-syrischen Hochland von etwa 1090 bis 1250 n. Chr. eine Gemeinschaft existierte, die mächtige Befestigungen besass und in der ganzen Region gefürchtet wurde. Eine der wenigen historischen Dokumente zu den Assassinen hat Marco Polo während seinen Europa-China-Reisen 1273 verfasst. Allerdings war Alamut, die Hauptfestung der Assassinen, zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Ruine – den Mongolensturm Mitte des 13. Jahrhunderts hatten auch die fanatischen Kämpfer nicht überstanden. Marco Polo gründet seine Geschichten allesamt auf Überlieferungen und Gerüchten, womit sie trotz ihres historischen Ursprungs auch Raum für berechtigte Zweifel bieten. So erzählt Marco Polo von Scheich Hasan-i Sabbah, dem sagenumwobenen Gründer und Stammvater der Assassinen in Persien, und beschreibt den mythischen Garten in dessen Festung Alamut: «Die besten Früchte wuchsen darin, während die Paläste mit goldenen Vogel- und Raubtiermotiven ausgemalt waren. In den Brunnen floss Wasser, Honig und Wein. Die schönsten Jungfrauen und Edelknaben sangen, musizierten und tanzten dort. Der Alte liess sie glauben, dies sei das Paradies. (...) Nur mit Erlaubnis des Besitzers gelange man hinein, jedoch nur dieneigen, die er zu Mördern (aschischin) machen wollte».
Glaubt man also Marco Polo und dem Volksmund, hat es die Gärten wirklich gegeben. Warum auch nicht? Es läge ganz in der Tradition der klugen altpersischen Kultur, dass man den Krieger nicht nur mit einer Waffe, sondern auch mit einer Vision ausstattet. Dass der Assassinen-Fürst paradiesische Gartenanlagen und verführerische Jungfrauen benutzte, um seinen Rekruten einen Vorgeschmack auf ihr Märtyrerdasein bei Allah zu bieten, wäre durchaus denkbar – heute würde man dies wohl «psychologische Kriegsführung» nennen. Ob der Scheich für diese Gehirnwäsche auch psychedelische Drogen wie Haschisch benutzte, ist unter Historikern heftig umstritten. Das Wort Assassin, die englisch-deutsche Version von Haschischin, leitet sich vom arabischen haššišin ab, dem Plural von haššiš, was soviel wie «Kräuter», «Gräser» und «Hanf» bedeutet. Ob das auch im wahrsten Sinne des Wortes auf die Assassinen zugetroffen hat, bleibt nicht ausgeschlossen, aber fraglich. Im damaligen Syrien war der Begriff «Haschischi» nämlich eine populäre, aber eher unschmeichelhafte Bezeichnung – hat vielleicht einfach das sektenhafte, seltsame Benehmen der Assassinen ihnen schlicht den Ruf von Bekifften und Entrückten, allerdings im übertragenen Sinne, eingebracht? Einige «Experten» bringen zusätzlich das Argument ins Feld, die von Chronisten geschilderten akrobatischen Leistungen der Assassinen während ihrer Attentate – einmal stützte sich ein Meuchler von einer 9 Meter hohen Mauer auf sein Opfer – seien unter Haschisch-Einfluss gar nicht durchführbar. Natürlich ist eine solche Begründung ebenfalls völliger Quatsch; diese Herren haben wohl noch nie richtig guten «Schwarzen» geraucht...


Unbestrittener als die Rituale der Assassinen sind deren (Un-)Taten: Nachdem es Scheich Hasan im Jahr 1090 durch List gelungen war, die als uneinnehmbar geltende Bergfestung Alamut in seinen Besitz zu bringen, liess er seine «Bewegung» alsbald den ersten Meuchelmord vollziehen. Durch den Assassinen-Dolch starb 1092 Wesir Nizam al-Mulk, Fürst des türkischen Seldschukenreiches, welches damals in der inneren Türkei und den syrisch-iranischen Landen herrschte. Weitere prominente Opfer, zumeist islamische Würdenträger, folgten. Der berühmte Fatimiden-Sultan Saladin, der die zerstrittenen islamischen Reiche zu vereinen suchte und erfolgreich die Kreuzritter bekämpfte, wurde gar dreimal Ziel einer Assassinen-Attacke. Allerdings überlebte Saladin alle Anschläge und tötete – jedenfalls den schwärmenden Chronisten zufolge – eigenhändig einen Meuchler. Trotzdem muss die Macht des «Alten vom Berg» den wackeren Sultan beeindruckt haben, denn Erzählungen zufolge reiste Saladin fortan in einer eigens angefertigten, käfigartigen Sänfte durchs Land. Erstaunlich ist, dass ausgerechnet im Abendland wilde Geschichten über die Assassinen verbreitet waren. Zwar fiel 1192 mit Konrad von Montferrat, dem «König von Jerusalem», auch ein prominenter Kreuzfahrer den Assassinen zum Opfer, aber dies war wohl das Ergebnis von gegenseitigen Intrigen unter den christlichen Königen; möglicherweise wurden die Assassinen für den Mord gar von Konrad's Gegenspieler Richard Löwenherz angeheuert. Die Mannen des Scheichs töteten vorwiegend eigene Landsleute, die sie des Verrats an der «heiligen Sache» bezichtigten. Hasan und seine Truppe gehörten dem schiitischen Glauben an, dessen Gegensatz zu den in Bagdad residierenden Sunniten seit Anbeginn des Islam bestand. Die Assassinen waren zweifellos Fanatiker, sie aber als Urahnen von Al Qaida und Co. zu bezeichnen ist historisch absolut unhaltbar – niemals war ein Zivilist das Opfer der Assassinen. Im Gegenteil: Für die streng gläubige «Elite der Krieger» hätte dies als zutiefst unehrenhaft gegolten.